
Boardwidmung Kathrin
Hase, hallo! Kommst du eben mal? Warum? Was ist denn? Ich
möchte dir gerne jemanden vorstellen. Jetzt? Natürlich. Würde ich sonst vielleicht rufen? Na gut, wenn es denn
sein muss und es schnell geht, meinetwegen. Ist es wieder jemand aus der Geselligen Runde? Selbstverständlich. Wie du
nur fragen kannst? Hast recht, Peter. Das war wirklich eine dumme Frage. Und wen möchtest du mir diesmal zeigen? Wieder
eine Frau? Klar! Und was für eine! Das Strahlen in deinem Gesicht macht mich doch misstrauisch. Wie heißt sie, wo
wohnt sie und wie alt ist sie? Kathrin, Calgary in Kanada, im knackigsten Alter. Reicht das? Auf alle Fälle, um mein
Misstrauen noch zu erhöhen. Ist sie das da auf dem Bild? Ja. Kathrin ist ein wirklich fesches Mädel, nicht wahr? Ich
würde sogar sagen, viel zu fesch für meinen Geschmack. Kein Wunder, dass du so dümmlich lächelst, Peter. Nun mach mal
halblang, Hase! Mein Gesicht ist nicht dümmlich, sondern ein Ausdruck meines Wohlgefallens. Außerdem muss Kathrin so gut aussehen,
um erfolgreich durchs Leben zu gehen. Sie ist wohl Friseurin oder Kosmetikerin, nehme ich an? Nein, Altenpflegerin.
Ach ja? Und was hat das mit ihrem Aussehen zu tun? In dem Beruf ist es doch egal, wie man aussieht, Hauptsache, man hilft
den Leuten und sie sind es zufrieden. Schon. Aber Kathrin ist alleinstehend und muss viele Dinge tun, die normalerweise
ein Mann oder man zu zweit macht. Weil das nicht immer funktioniert, muss sie wenigstens gut aussehen, damit die Männer darauf
anspringen und ihr gerne unter die Arme greifen. Unbestätigten Gerüchten zufolge hat sie auch sehr viel Charme und weiß den
auch so geschickt einzusetzen, dass die Männer Wachs in ihren Händen sind und richtig wegschmelzen. Da ist es von unbedingtem
Vorteil, gut auszusehen. Hoffentlich hast du recht, Peter. Manchmal ist es nämlich wirklich nicht schlecht, wenn man gut
aussieht. Sag ich ja, Hase. Wenn sie irgendwann einmal verheiratet ist, ist es egal geworden. Was willst du damit
sagen? Und warum siehst du mich so komisch an? Das täuscht. Das ist wegen dem einfallenden Sonnenlicht, Hase. Jetzt
glaube ich das auch noch! Natürlich. Warum sollte ich dir denn etwas vormachen? Darüber zu diskutieren würde jetzt
den Rahmen sprengen. Versteht Kathrin deutsch? Und wie! Heißt das, dass sie auch Deutsche ist? Na klar. Sie ist
wie so viele andere auch ausgewandert, um ihr Glück in der Fremde zu suchen. Erst in der nahen Fremde, und dann in der fremden
Fremde. Was heißt das schon wieder? Ursprünglich stammt Kathrin aus Ostdeutschland, wo sie in einer Halle geboren
wurde. Armer Kerl! Als sie sich bewusst wurde, in welcher Umgebung sie lebte, beschloss sie, auszuziehen und die Welt
zu umarmen. Die Himmelsrichtung war da bereits vorgegeben, wenn auch noch nicht so ausgeprägt. Fürs erste haute sie in Bonn
die Bremse rein, vermutlich weil sie gehört hatte, dass sich dort die große Welt die Klinke in die Hand gab. Aber das war
leider ein Trugschluss und Kathrin merkte bald, für was die vier Buchstaben im Wort Bonn standen. Und was? Bundeshauptstadt
ohne nennenswertes Nachtleben. Auf gut deutsch, da war nur tote Hose und nichts geboten, was ein junges, lebenslustiges Mädel
begeistern konnte. Deswegen zog sie ernüchtert und frustriert von dannen. Nach Kanada. Nein, noch nicht. Erst widmete
sie sich der christlichen Seefahrt. Also eine Kreuzfahrt oder eine Weltreise? Nicht ganz. Diesbezüglich kommst du
auf dem Rhein nicht weit. Kathrin kehrte Bonn den Rücken und schwamm stromaufwärts bis nach Koblenz. Dort ging sie an Land,
sah sich um und merkte, dass hier mehr los war. Deswegen hielt sie es hier auch eine Weile aus. In Koblenz? Das ist auch
nicht unbedingt eine Stadt, die mir spontan einfallen würde, um dorthin zu ziehen. Kathrin ließ sich wahrscheinlich vom
so genannten Magic Moment einfangen, als sie die Stadt sah, vielleicht aber auch vom vielen Wein, den es dort in der Gegend
gibt. Und da Kathrin auch eine romantische Ader hat, war sie in Koblenz allemal besser aufgehoben als ausgerechnet in Bonn.
Die vielen Städtchen dort mit ihren Fachwerkhäusern und den engen verwinkelten Gässchen haben da schon was für sich. Und
wie lange blieb Kathrin dort kleben? Das weiß ich nicht. Aber irgendwann wurde es ihr in Koblenz dann doch zu viel und
sie erlag einmal mehr dem Lockruf der Einsamkeit. Und sie ist nach Kanada? Genau. Dabei hatte sie wohl den Begriff
Kanada falsch verstanden. Sie wusste nicht, dass das ein bayrisches Wort ist, nämlich kana da, was übersetzt heißt, keiner
da. Und es gibt dort ja auch Gegenden, in denen du wochenlang unterwegs bist, ohne jemandem zu begegnen. Deswegen kam Kathrin
die erste Zeit dort wie ein Schock vor. Sie dachte, sie steht voll im Wald. Hatte sie sich denn nicht informiert? Doch,
bestimmt. Aber wenn du nichts siehst, als nur Gegend und Panorama, dich mit Hirschen und Kühen unterhalten und froh sein musst,
wenigstens ab und zu von einem Murmeltier belästigt zu werden, dann geht dir das schon irgendwann auf den Geist. Dagegen ist
die sprichwörtliche Einsamkeit in den Großstädten ein richtiges Volksfest. Und Kathrin ist eine lebenshungrige junge Frau,
die nicht einfach eingehen möchte wie eine vertrocknete Primel. Verständlich. Also war der nächste Umzug angesagt.
Kathrin entwickelte sich da allmählich zu einem richtigen Zugvogel, einer Vagabundin. Es wundert mich eigentlich, warum sie
sich nicht von Anfang an einen Wohnwagen gesucht hatte. Lustig ist das Zigeunerleben... Ja, aber längst nicht mehr
allein. Sie hatte inzwischen eine starke Schulter gefunden, der sie folgte. Erst nach Toronto und später nach und nach nach
Westen bis nach Calgary. Und dort lebt sie heute noch. Ist bestimmt schön dort. Doch, das glaube ich auch. Ich könnte
mir auch gut vorstellen, dort zu leben. Wohl bei Kathrin? Daher wohl auch dieses seltsame Leuchten in deinen Augen? Quatsch!
Du weißt doch, dass ich mich auf Hasen spezialisiert habe und nicht auf Zugvögel. Außerdem bin ich inzwischen zu alt geworden
für derlei Scherze. Das wird auch dein Glück sein, Peter! Nichtsdestotrotz haben Kathrin und ich auch Gemeinsamkeiten.
Ach ja? Dann mal heraus mit der Sprache. Wir lieben beide Wärme und Sonne und hassen Kälte und Schnee. Wobei sie gegen
mich allerdings mehr der Typ Eiszapfen ist und jeden Abend kontrolliert und durchzählt, ob alle ihre Zehen noch da und voll
funktionsfähig sind. Und ihre rot gefrorene Nase ist bereits berühmt in ganz Calgary und Umgebung. Dann muss sie sich
halt vernünftig anziehen. Macht sie auch. Während sich im Sommer aufgrund ihrer Schönheit aller Männer die Hälse nach
ihr verrenken, kommt sie im Winter eher wie eine ausgestopfte Türkin daher. Da siehst du vor lauter dicken Klamotten nichts
mehr von Kathrin. Es fehlt eigentlich nur noch, dass sie sich noch drei heiße Wärmflaschen unterschiebt und einen Bollerwagen
ständig hinter sich her zieht. In Calgary merkt man eben auch die räumliche Distanz zur Polarregion. Dann wäre Calgary
aber nichts für mich. Dann sind Kathrin und ich sehr begeisterungsfähig für Tiere jeglicher Art, die weniger als sechs
Beine haben. Es verwundert mich daher, dass sie anstatt Altenpflegerin nicht Tierpflegerin geworden ist. Das macht sie
sehr sympathisch. Ja, als Hundebesitzerin steht sie auch auf Katzen, Frösche, Hamster und Meerschweinchen. Manchmal reitet
sie auch auf einer Schildkröte aus. Und wenn Kathrin könnte, wie sie gerne wollte, würde sie auch gerne immer wieder auf Elchen
reiten. Du Hirsch! Nein, Elch! Wirklich. Sie lebt schließlich in Kanada, und da gehört das auch zum guten Ton. Und
wer auf Dauer keinen eigenen Elch in der Garage stehen hat, ist irgendwann gesellschaftlich erledigt und muss sich eben mit
Schlittenhunden begnügen. Gibt es denn in Kanada keine Pferde? Doch, bestimmt. Aber die werden vor allem von Indianern,
Mounties und Metzgern gebraucht. Deswegen reitet der gemeine Kanadier auf Elchen. Sie ist also auch sehr sportlich, im
Gegensatz zu dir, Peter. Und sehr belesen. Wer ist das nicht? Ab und zu verfasst sie auch selber kleine literarische
Kostbarkeiten, sodass sie hier für besonders interessant ist. Dann seid ihr ja fast so etwas wie Kollegen? Das kann
man so sagen. Obwohl sie ganz andere Texte als ich verfasst. Am besten wäre es da sicherlich, einmal zusammenzusitzen und
Kriegsrat zu halten, was man am besten aus ihrem Ta-lent macht. Womöglich ladest du sie dann noch ein? Warum nicht?
Das wäre noch das einfachste. Ja, ja, so weit kommt es noch! Das blonde Gift im Haus! Da hätte ich keine ruhige Minute
mehr! Aber Hase! Du weißt doch, dass ich längst aus dem Alter heraus bin, in dem... Das wird auch ganz gut so sein,
Peter! Sonst wirst du sehen, wie jung du noch sein kannst, wenn ich dich vor mir her jage! Aber Hase! Wer wird denn gleich
so rabiat sein? Es wird doch nichts so heiß gegessen, wie es gekocht wird! Darum sage ich es dir ja auch im Guten.
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